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Die Schweizer Tweetokratie

Visualisierungen der Schweizer Parteienpolitik auf Twitter


Bruno Wueest / 2016-8-22

Twitter gibt es seit 2006 und hat längst die Schweiz und ihre Politik erreicht. Auf dieser Seite finden Sie Darstellungen, wie die bedeutendsten Schweizer Parteien dieses Soziale Medium nutzen. Frühere Versionen dieser Daten und Abbildungen wurden im Datenblog des Tagesanzeigers sowie in verschiedenen wissenschaftlichen Publikationen, z.B. hier, veröffentlicht. Die Visualisierungen wurden in Java Script mit Google Charts hergestellt. Die Beschaffung und Analyse der Daten wurde mit R gemacht. In der Schweiz gibt es mehr als 800'000 Twitter Accounts, alle von Hand nach einer eventuellen Parteizugehörigkeit zu überprüfen ist ein Ding der Unmöglichkeit. Zudem gibt es geschätzte 40'000 SchweizerInnen, die ein politisches Amt innehaben. Alle diese Personen zu finden und nach ihrem Twitter-Account zu fragen, ist ebenfalls nicht machbar. Diese Analyse stützt sich deshalb auf eine automatisierte Erkennungsmethode, bei der ausgehend von Twitter-Accounts der Bundes-, Stände- und Nationalräte in mehreren Erwiterungsrunden die Friends und Followers nach politischen Accounts durchsucht werden. Damit wurden 2,289 Accounts gefunden. Mehr dazu finden Sie in der darzugehörigen wissenschaftliche Publikation.


Die Gründung von Accounts orientiert sich an den nationalen Wahlen

Die erste interaktive Grafik zeigt die Entwicklung der Schweizer Parteien-Accounts über die Zeit. Vor 2010 wurde Twitter fast nur an den Rändern des politischen Netzwerks als Kampagneninstrument eingesetzt. Im Auftakt des Wahlkampfs zu den Schweizer Parlamentswahlen im November 2011 gab es ein dann deutliches Wachstum. Viele Politiker scheinen also ein Konto eröffnet zu haben in der Hoffnung, dadurch zusätzliche Unterstützung im Wahlkampf mobilisieren zu können. Heute scheint der Markt gesättigt, d.h. alle im National- und Ständerat vertretenen Parteien haben mittlerweile eine beachtliche Anzahl Accounts eröffnet und die Zahl der Neugründungen hat deutlich abgenommen. Nichtsdestotrotz haben sich vor den eidgenössischen Wahlen im Oktober 2015 wieder duetlich mehr PolitikerInnen auf Twitter angemeldet, um ihre Kampagne zu unterstützen.

Die Verläufe für die einzelnen Parteien können durch Klicks auf die Legenden aktiviert oder deaktiviert werden. Dabei wird klar, dass linke Parteien (v.a. die SP) mehr Account-Gründungen zu verzeichnen hat als rechte Parteien (z.B. die SVP). Dies ist nicht überraschend wenn man bedenkt, dass SVP-Wähler im Schnitt älter sind und Social Media wahrscheinlich weniger intensiv nutzen als linken Wähler.


Neuenburg hat die meisten Accounts, Freiburg die meisten Followers und die Waadt die aktivsten accounts (relativ gesehen...)

Die nächste Grafik zeigt die geographische Verteilung der Twitter-Aktivität der Schweizer Parteien. Links oben in der Grafik kann ausgewählt werden, ob der Fokus auf der Anzahl Accounts pro Kanton, der Summe der Follower aller Accounts aus einem Kanton oder der Aktivität der Accounts gelegt werden will. Unter Aktivität wird einfach verstanden, wie viele Tweets und wie viele Friend-Anfragen die Accounts insgesamt gemacht haben. Alle Werte sind zudem relativ berechnet, d.h. stehen im Verhältnis zur Bevölkerung des jeweiligen Kantons – die absoluten Zahlen sind mit einer Aktivierung durch den Mauszeiger ersichtlich. Somit sind nicht einfach die bevölkerungsreichsten Kantone wie Zürich die Spitzenreiter, sondern die Angaben sind mit der Information gewichtet, wie viele Personen überhaupt die Chance haben, Twitter zu nutzen. Die Kantonszugehörigkeit wurde übrigens durch eigene Recherchen festgestellt, weil die Angaben auf Twitter notorisch unzuverlässig sind.

In Bezug auf die reine Anzahl Accounts sind Neuchâtel, Basel-Landschaft und das Valais die Spitzenreiter. Diese Kantone verzeichnen am meisten Accounts im Verhältnis zu Ihrer Grösse. In Bezug auf die Follower-Zahlen liegt Fribourg klar vorne. Dies hat wahrscheinlich damit zu tun, dass in Fribourg gleich mehrere nationale Schwergewichte, die auch auf Twitter sehr aktiv sind, z.B. Alain Berset und Christian Levrat, beheimated sind. Am aktivsten sind hingegen die PolitikerInnen aus der Vaud und aus Zürich. Hier scheint sich das Klischee, dass die urbanen Zentren Twitter am stärksten nutzen, zu bestätigen.


Die zentralsten Nutzer von Twitter

Twitter ist ein Netzwerk aus Follower-Beziehungen, über die der Informationsfluss gesteuert wird. Wenn ich einem Account folge, bekomme ich dessen Tweets in meinem Twitterstream zu sehen. Das heisst, dass wichtige PolitikerInnen zentral für den Informationsfluss im Netzwerk sind. Diese Zentralitär lässt sich auf viele Arten feststellen. Die folgende Grafik stützt sich auf zwei ausgewählte Analysen, die Eigenwert- und Betweenness-Zentralität. Twitter-Akteure mit einem hohen Eigenwert haben viele Friends und Follower, und deren Friends und Follower haben wiederum viele Friends und Follower und so weiter bis zum Rand des Netzwerkes. Die Betweenness-Zentralität hingegen entspricht der Anzahl kürzester Verbindungen zwischen allen Usern, die über den betrachteten Akteur führen. Ein Akteur mit einer hohen Betweenness-Zentralität verbindet viele andere Nutzer miteinander auf direktem Weg. Weil die Eigenwert-Zentralität auf die Accounts fokussiert und die Betweenness-Zentralität die Verbindungen berücksichtigt, ergänzen sich die beiden Analysen gut zu einem Gesamtbild. Zusätzlich ist die Anzahl Followers in der Grösse der Punkte dargestellt. Alle Angaben sind mit einer Aktivierung durch den Mauszeiger ersichtlich.

Erstens fällt auf, dass es sehr wenige Akteure mit einer hohen Zentralität gibt. Der grösste Teil der politischen Twitter-Nutzer folgt nur sehr wenigen Accounts und hat selbst wenige Follower. Zudem lässt sich die Wichtigkeit eines Akteurs nicht immer mit der Gesamtznzahl Follower feststellen, wie das Beispiel von Arnaud Bonvin zeigt . Mit relativ wenig Followern ist er trotzdem für das Twitter-Netzwerk der Schweizer Parteien sehr zentral. Interessant ist zudem, dass unter den am besten vernetzten PolitikerInnen überaus häufig FDP-Accounts sind (Chrisitian Wasserfallen, Claudine Esseiva, Arnaud Bonvin, Christa Markwalder und der nationale FDP-Account FDP.DieLiberalen). Die FDP versteht es offensichtlich am besten, sich auf Twitter zu vernetzen. Andere Accounts wie derjenige von Cédric Wermuth und Nathalie Nickli, welche in früheren Analysen noch obenaus geschwungen sind, haben deutlich an Wichtigkeit verloren.