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Die Mittelalterung von Zürich

Gentrifizierung und Altersstruktur in den Zürcher Stadtquartieren


Bruno Wueest / 2016-10-3

Das Alter ist nicht nur eine persönliche Eigenschaft, die unsere Vorlieben und unser Verhalten beeinflusst. 'Generationenkonflikt', 'Jugendstraftäter' oder 'Überalterung' sind die Stichwörter von hitzig geführten öffentlichen Debatten. Aber auch mit etwas weniger Emotionen betrachtet ist klar, dass das Alter ein gesellschaftlicher Faktor mit grosser politischer und wirtschaftlicher Bedeutung ist. Bei der diesjährigen Präsentation des Budgetvoranschlags für 2017 betonte die Stadtverwaltung die stark steigenden Kosten in zwei Bereichen (vgl. den Bericht der NZZ dazu). Das Bildungswesen muss ausgebaut werden wegen der stark steigenden Schülerzahlen und der konstant hohen Nachfrage nach vorschulischen Betreuungsplätzen. Auf der anderen Seite muss in das Gesundheitswesen investiert werden, und hier sind oft die älteren Menschen als Hauptverursacher im Verdacht, was allerdings nicht gerechtfertigt ist (siehe die Forschung von François Höpflinger).

Die Stadt Zürich weist in Bezug auf die Entwicklung des Alters eine typische Entwicklung eines wachsenden Zentrums auf. Das gesamtschweizerische Durchschnittsalter steigt aufgrund der gestiegenen Lebenserwartung und der sinkenden Geburtenrate. In der Stadt Zürich hingegen sinkt das Durschschnittsalter leicht, und das vor allem wegen einem Babyboom, der Zuwanderung von jungen Menschen und der Abwanderung von älteren Leuten ((vgl. den Beitrag von SRF dazu). Doch was bedeutet es eigentlich, wenn von jünger und älter die Rede ist? Mit 16 Jahren zum Beispiel schliessen viele Schweizerinnen und Schweizer die Lehre ab, mit 18 sind sie volljährig, aber Heirat und Kinder kommen dann üblicherweise noch viel später, im Schnitt mit ungefähr 30 Jahren. Genauso unklar ist es mit dem Alter. Frauen können mit 64, Männer mit 65 den Ruhestand antreten, was im Durschnitt auch ziemlich genau umgesetzt wird. Das eigentliche Altsein, das oft auch mit einer Pflegebedürftigkeit einhergeht, fängt aber erst mit 80 bis 85 Jahren an.

Genau weil es verschiedene Ansichten von jung und alt gibt, operieren die folgenden Analysen mit je zwei verschiedenen Definitionen. Junge Menschen sind entweder 16 Jahre oder jünger, oder nicht älter als 25 Jahre. Ältere Menschen sind entweder über 64 oder haben bereits stolze 80 oder mehr Jahre miterlebt. Die präsentierten Daten sind von 1993 bis 2015 für jedes Quartier verfügbar (Link zu den Daten). Die Analysen basieren also auf 748 Datenpunkten (34 Quartiere x 22 Jahre). Für alle, welche wie ich nicht gewusst haben, wo Saatlen oder das Quartier Mühlebach liegen, gibt es hier die entsprechende Karte. Die folgenden Analysen wurden in R gemacht. Für die Visualisierungen wurden mit plotly d3-Charts produziert. Bald wir aus diesen Analysen eine interaktive App auf Politan entstehen.


Wo die Jungen sind

Die erste Auswertung zeigt den Verlauf des Anteils der jungen Bevölkerung in den einzelnen Stadtquartieren. Die Quartiere sind nach dem Mittelwert der Kategorie Bevölkerung unter 26 Jahre (blau) sortiert. Je transparenter ein Datenpunkt ist, desto älter ist die Angabe. Die Anteile von 1993 sind also ganz schwach, diejenigen von 2015 ganz stark eingefärbt. Eine erste, offensichtliche Feststellung ist, dass in den Aussenquartieren mehr Junge Leute wohnen. Unter den fünf Quartieren mit dem höchsten Anteil an unter 26 jährigen ist nur das Quartier Hochschulen kein an der Stadtgrenze liegendes Quartier. Natürlich wohnen in den Aussenquartieren wegen der relativen Ruhe, den grösseren Grünflächen und den etwas günstigeren Mieten überdurchschnittlich viele Familien. Im Hochschulquartier sind natürlich viele Studierende und weniger Familien wohnhaft, was auch der sehr tiefen Anteil der unter 17 jährigen ersichtlich ist. Von den klassischen Zentrumsquartieren, zum Beispiel Lindenhof, Rathaus oder das Seefeld, weisen die meisten seit beginn der Datenreihen einen sehr niedrigen Anteil an Jungen auf.

Die Quartiere, welche zum neuen Zentrum gehören (die 'gentrifizierten' Gegenden), zeigen eine sehr intererssante Entwicklung über die Zeit auf. Namentlich die Kreise 4 und 5 mit den Quartieren Gewerbeschule, Werd, Escher Wyss, Langstrasse und Hard sowie Wipkingen haben sich von den Wohngegenden der Arbeiterfamilien im letzten Jahrhundert zu den Trendquartieren mit relativ wenig ganz jungen Leuten entwickelt. In diesen Gegenden wohnen heute viele 26-40 jährige Leute (siehe Alterspyramiden weiter unten), aber jüngere Leute sind immer weniger anzutreffen.


Die Verjüngung der Stadt ist eigentlich eine Vermittelalterung

In der zweiten Auswertung sind die gleichen Verläufe zu sehen, einfach für die über 64 und über 79 Jährigen statt der Jungen. Die Quartiere sind nach dem Mittelwert der Kategorie Bevölkerung über 65 Jahre (blau) sortiert. Die Entwicklung über die Zeit wird wieder mit der abnehmenden Transparenz dargestellt. Als erstes fällt auf, dass sich der Anteil der über 79 jährigen nicht stark unterscheidet zwischen den Quartieren, mit Ausnahme des hohen Anteils im Quartier Hochschulen. In diesem Quartier liegen aber nicht nur Universitäten, sondern auch das Universitätsspital und viele Pflegeheime. Die Bevölkerung über 64 nimmt zudem nur in wenigen Quartieren zu (Affoltern, Rathaus, City, Lindenhof und Witikon), während sie in den meisten Quartieren drastisch abnimmt. Dies ist ein Aspekt der Tatsache, dass das Durchschnittsalter der Stadtzürcherinnen im Gegensatz zum landesweiten Trend abnimmt. Wenn wir aber zusätzlich berücksichtigen, dass der Anteil der jungen Bevölkerung in den klassichen Zentrumsquartieren seit langem tief ist und in den neu gentrifizierten Quartieren stark sinkt, liegt der Schluss Nahe, dass eigentlich die mittleren Altersschichten ca. von 25 bis 45 Jahren an Gewicht zulegen. Die oft zitierte Verjüngung der Stadt könnte deshalb auch als Vermittelalterung der Stadt bezeichnet werden.


Die Altersdurchmischung am Rand der Stadt ist besser als im Zentrum

Der Ausgangspunkt der letzten Analyse ist nicht die Entwicklung der Altersstruktur, sondern die Durchmischung der Quartiere. Sozialwissenschaftler, die sich mit dem Alter als gesellschaftlichem Faktir befassen, kommen zum Schluss, dass eine gut altersdurchmischte Gesellschaft ein wichtiger Schutz davor ist, dass einzelne Altersgruppen nicht ausgegrenzt werden (siehe zum Beispiel hier und hier). Dies gilt sowohl für die Jungen, welche weniger asoziale Verhaltensweisen entwickeln, wie auch für die Alten, die weniger Gefahr laufen, zu verwahrlosen. Es lohnt sich deshalb, nachzuscheuen, welche Quartiere die beste Durschumischung aufweisen. Die untenstehende Grafik zeigt die Alterspyramiden für 5-Jahresgruppen sowie den Gini-Koeffizienten. Der Gini-Koeffizient wird normalerweise für die Berechnung von Vermögens- oder Einkommensungleichheiten verwendet, er ist aber eigentlich ein universelles Mass für Ungleichverteilungen. Ein Gini von 0 würde bedeuten, dass in jeder Altersgruppe gleich viele Personen im enstprechenden Quartier leben (perfekte Gleichverteilung), während ein Wert von 1 bedeuten würde, dass alle Bewohner eines Quartiers in der gleichen Altersgruppe sind (perfekte Ungleichverteilung).

Oben links ist die durchschnittliche Altersverteilung in der Stadt Zürich angegeben. Die relativ vielen Kinder unter 10 Jahren zeigen den Babyboom der letzten Jahre. Die grössten Altersgruppen sind dann aber diejenigen zwischen 25 und 45 Jahre. Die Grösse genau dieser vier Altersgruppen (25-45 Jahre) ist nun entscheidend, ob der Gini-Koeffizient eines Quartiers unter oder über demjenigen der ganzen Stadt ist. Sind die 25 bis 45 jährigen übervertreten wie am extremsten in den Quartieren Langstrasse und Eschwe Wyss, steigt die Ungleichverteilung stark an (Gini von 0.56 und 0.55). Bilden diese vier Altersgruppen nur einen 'stumpfen Spitz' in der Pyramide, ist die Altersdurchmischung naturgemäss viel besser. Paradebeispiele sind die Quartiere Höngg, Friesenberg und Leimbach mit einem Gini von 0.3. In der Tendenz lässt sich zudem sagen, dass die neuen Zentrumsquartiere im Kreis 3, 4, und 5 eine schlechtere Altersdurschmischung aufweisen, während der Stadtrand und das klassische Zentrum mit dem Lindenhof, Rathaus and der City eine ausgeglichenere Bevölkerung auweisen.